„Wir haben es in der Hand, den Strukturwandel zu gestalten.“

Die Lausitz war schon mehrfach gezwungen, sich anzupassen und immer wieder neu zu definieren. Dieser innovative Wandel ist nicht allein auf angewandte Hochtechnologien, Forschungsintensitäten oder Patente und Lizenzen beschränkt. Innovation zeigt sich insbesondere auch im Zusammenwirken der Akteure in einer Region und beispielsweise auch in einer Technischen Universität wie der BTU Cottbus-Senftenberg. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, den Transfer in die regionale Wirtschaft und Gesellschaft zu intensivieren. Wir sprachen mit Katrin Erb, Abteilungsleiterin des Wissens- und Technologietransfers der BTU über die Bedeutung von Transferprojekten für die Universität und die Lausitz.

Viele Themen sind heute deutlich innovationsgetriebener, Erfordernisse des Marktes ändern sich schnell. Welche Auswirkungen hat das auf Transferprojekte?

Die Transferthemen werden zunehmend umfangreicher und komplexer. Sie sind meist nicht nur technischer Natur, sondern auch technologischer. Zudem sind betriebswirtschaftliche Auswirkungen bis hin zu personellen Konsequenzen zu beachten. Bei angewandten Transferprojekten kommen auch Akzeptanzprobleme ins Spiel. Nicht zu vergessen sind die immer komplexer werdenden Anforderungen aus den Förderbedingungen und Gesetzgebungen. Sie machen es den Transferpartnern teilweise sehr schwer, an einem Projekt festzuhalten.

Wie viele Projekte mit Lausitzer Unternehmen gibt es aktuell ungefähr und welche sind ihrer Ansicht nach besonders interessant?

Es gibt sehr vielfältige Formen der Zusammenarbeit und interessant – insbesondere auch mit regionalem Blickwinkel – sind sie alle. Nur können wir hier keine Zahl benennen, da nicht alle Transferprojekte zentral erfasst werden. Erfreulich ist, dass auch sehr kleine Unternehmen den Kontakt zur BTU suchen und die BTU-Professorinnen und -Professoren ihrerseits das Innovationspotenzial der Betriebe vor Ort schätzen. Das ist nicht selbstverständlich, da die Wirtschaftsstruktur in unserer Region sehr kleinteilig geprägt ist und vielen Unternehmen Zeit, Kraft und Personal fehlt, um sich mit Forschungsfragen zu beschäftigen oder an Kooperationen mit einer Wissenschaftseinrichtung zu denken.

In welchem der vier profilgebenden Forschungsfelder der BTU finden die meisten Transferprojekte statt?

Mit den vier Forschungsfeldern ist die BTU thematisch sehr breit aufgestellt und wenn der Transferbegriff ebenso breit gefasst wird, kann man kaum einen Schwerpunkt ausmachen. Transfer begreifen wir als Wissens-, Technologie- und Personaltransfer. Dabei beziehen wir alle Akteure aus der Gesellschaft, der Politik und natürlich mit einem besonderen Fokus der Wirtschaft ein. Greift man den Technologietransfer heraus, betreuen wir in der Abteilung Technologie und Innovation die meisten Projekte mit der Fakultät Maschinenbau, Elektro- und Energiesysteme.

Gibt es an den Cottbuser Unistandorten tendenziell andere Themen für Transferprojekte, als am Senftenberger Standort?

Die Themen ergeben sich anhand der Fachgebiete. Regionale Betriebe der Metall- und Elektrobranche finden am Senftenberger und am Cottbuser Standort Ansprechpartner je nach fachlichem Fokus. Die Biotechnologie ist allerdings nur in Senftenberg zu finden und der Baubereich wiederum in Cottbus.

Ist der Wissens- und Technologietransfer für die BTU hinsichtlich des Profils und der Finanzen von zunehmender Bedeutung?

Die BTU hat eine eigene Transferstrategie und der Wissens- und Technologietransfer ist neben dem Studium und der Forschung eine der drei tragenden Säulen. Er hat also eine absolut zentrale Bedeutung für die Universität, die sich ihrer Aufgabe auch hinsichtlich des Strukturwandels in der Region durchaus bewusst ist. Wir setzen auf langfristige Kooperationsbeziehungen, auf die Arbeit in Netzwerken und arbeiten daran, dass die BTU als gleichberechtigte Partnerin in der Region wahrgenommen wird. Zudem haben wir Transferpaten für Kooperationsinteressierte installiert. Das sind sechs Professorinnen und Professoren, die für sechs besonders nachgefragte Fragestellungen schnell und sicher antworten können oder den richtigen Partner an der BTU vermitteln. In finanzieller Hinsicht ist insbesondere der Technologietransfer für Drittmitteleinnahmen aus Kooperationsprojekten interessant.

Welche Maßnahmen wollen Sie treffen, um ihn in den kommenden Jahren zu intensivieren?

Wir richten uns an unserer Transferstrategie aus: Der wechselseitige Austausch von Erkenntnissen zwischen Universität und Wirtschaft sowie Gesellschaft soll beschleunigt und über neue Transferwege und besseres Wissensmanagement befördert werden. Wir möchten als Wissensbrücke in die Lausitz wahrgenommen werden und arbeiten daran, Abläufe noch professioneller zu gestalten und die Transferprojekte an der BTU zu verknüpfen.
Ein wichtiges Projekt für die Intensivierung des Transfers ist der „Innovation Hub 13“, in dem sich die BTU und die TH Wildau zusammengeschlossen haben. Der Bund fördert es als Innovative Hochschule. In drei Themenfeldern – Leichtbau, Life Science, digitale Integration – werden neue Transferwege initiiert und erforscht. Kern sind Transfer-Scouts, die regionale Bedarfe aufnehmen, Problemlösungen aufzeigen und damit den Austausch zwischen den akademischen Einrichtungen und der Wirtschaft sowie der Gesellschaft intensivieren. Ganz aktuell sind wir dabei, eine Präsenzstelle der BTU im Regionalen Wachstumskern Spremberg zu installieren. Es geht im Wesentlichen darum, Leistungen und Angebote für Studium und Weiterbildung bekannter zu machen. Wir möchten vor Ort zu mehr Kontakten zwischen Wirtschaft und Wissenschaft kommen.

Welche Rolle nimmt der Wissens- und Technologietransfer zwischen Lausitzer Unternehmen und der BTU für das Gelingen des Strukturwandels ein?

Zahlreiche Unternehmen müssen sich dem Strukturwandel in der Lausitz stellen und ganz neu orientieren. Das kann sich auf den Unternehmenszweck beziehen, auf das Produktportfolio oder auch neue Kunden- und Lieferbeziehungen. Wenn die BTU ein Kooperationspartner für diese Veränderungsprozesse wird, sind wir Mitgestalter des Strukturwandels und haben es gemeinsam mit den Lausitzer Unternehmen in der Hand, ihn positiv zu gestalten. Wir haben sehr leistungsstarke Fachgebiete, die häufig genau die Lösungen bieten können, nach denen die Unternehmen suchen.

Erschließen sich durch Transferprojekte für Studierende besondere Möglichkeiten in der Wirtschaft?

Studierende an der BTU können frühzeitig Praxiserfahrungen sammeln, dazu bieten wir in unserem Career Center mehrere Initiativen an. Der Klassiker sind Firmenexkursionen. Unter dem Markenzeichen „students on tour“ werden viermal im Jahr insgesamt 12 regionale Unternehmen besucht, jeweils passfähig zu den entsprechenden Studienrichtungen. Studierende erleben aber auch bei den Firmenpräsentationen an der BTU zahlreiche Unternehmen oder haben beim Projekt „Job Shadowing“ die Möglichkeit, einen Tag lang einen konkreten Betrieb genauer kennenzulernen. Zudem sind über konkrete Transferprojekte zwischen einem BTU-Professor und einem Unternehmen fast immer auch Studierende involviert, meist als studentische Hilfskräfte, aber auch bei der Integration der unternehmerischen Fragestellungen in die Lehre. Ein Vorteil bietet sich dabei insbesondere auch für die Betriebe. Sie lernen künftige Fachkräfte kennen, können sie frühzeitig an sich binden und davon überzeugen, dass hier in der Region gut zu arbeiten und zu leben ist. Unsere jährlich im Mai stattfindende Messe „campus-X-change“ ist mit über 80 Ausstellern die größte Recruitingmesse im Land Brandenburg. Den Termin 22. Mai 2019 kann man sich schon vormerken.

Wie kommt ein Transferprojekt eigentlich zustande? Geht die BTU auf die Wirtschaft zu oder ist der Trend umgekehrt?

Beides gleichermaßen. Wir selbst sind bei Veranstaltungen, Messen oder Events unterwegs und präsentieren das Transferpotenzial der BTU sowie die Kooperationsmöglichkeiten. Dabei ergeben sich Unternehmenskontakte, die wir in die BTU spiegeln. Nicht weniger umfangreich sind Anfragen aus der Wirtschaft direkt. Unternehmer rufen bei uns an und bitten um die Vermittlung eines Experten. Die fachliche Bandbreite ist sehr groß – von einem Problem beim Recycling über Oberflächenbeschichtungen, einer gewünschten Optimierung von Betriebsabläufen oder Fragestellungen aus der Arbeitspsychologie. Zudem werden die Transferscouts aus dem Projekt Innovation Hub 13 künftig mehr Kooperationswünsche einholen und in Unternehmen die drei für das Projekt definierten Themenfelder stärker präsentieren. Beim Personaltransfer ist es umgekehrt, hier sind es häufig Unternehmen, die auf die BTU zugehen, um Studierende zu werben.

Wo liegen die Grenzen für eine autonome Hochschule beim Zusammenwirken mit der Wirtschaft?

Nicht nur die BTU ist autonom; die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre ist im deutschen Grundgesetz als Grundrecht geschützt. Keinem Professor an der BTU – und auch an keiner anderen Hochschule in Deutschland – kann vorgeschrieben werden, mit wem, wie intensiv und in welchen Fachthemen er mit der Wirtschaft kooperiert. Oder ob die Wirtschaft als Kooperationspartner überhaupt aus der Region sein soll. Wir setzen hier ausschließlich auf die Motivation der BTU-Mitglieder, sich für die Lausitz als ihre berufliche Heimat einzusetzen. Und letztlich auch über die Motivation einer regional verankerten Hochschule, die den Transfer in die Wirtschaft vor Ort und in die Gesellschaft in ihrer Hochschulpolitik als tragende Säule ihrer Arbeit definiert hat.

https://www.b-tu.de/wirtschaft/technologie-und-innovation