"Die Zeit der Prognosen ist vorbei."

Culcha Candela im Interview

„Du bist Hamma, wie du dich bewegst in dem Outfit, ...“ – Culcha Candela kennen viele vor allem durch ihren 2007er-Hit „Hamma!“. Sorry für den Ohrwurm! Was weniger Leute ahnen: Hinter dieser Band steckt viel mehr. Mateo (geb. Polen), Johnny Strange (Deutschland), Don Cali (Kolumbien) und Chino con Estilo (Südkorea) bilden eine Band voller Kulturen, die sich seit 17 Jahren im Spagat zwischen Partynummern und gesellschaftskritischen Inhalten behauptet. Wer nur „Hamma!“ kennt, dem entgeht ein ganzer Eisberg voller Themen. Beim Laut Gegen Nazis Campus Open Air am 5.7. auf dem Zentralcampus der BTU Cottbus-Senftenberg könnt ihr alle Seiten dieser Band kennenlernen. Im Interview mit Mateo sprachen wir über ihre Zwickmühle zwischen Anspruch und Erfolg, Orakel-Fähigkeiten und ihre Zukunft.

Was verbindest du mit unserer Stadt „Cottbus“? Zwei Sachen: Zum einen denke ich an Energie Cottbus. Zum anderen fahre ich in Cottbus immer vorbei, um meine Familie in Polen zu besuchen.

Mit euch verbindet die breite Masse den Hit „Hamma!“ – eher eine Partynummer. Auf Facebook präsentiert ihr euch hingegen meist ernster und gesellschaftskritisch. Wünscht ihr euch manchmal, dass eine eurer nachdenklicheren Nummern so populär wäre wie „Hamma!“? Einerseits würde ich es mir schon wünschen, dass die Leute mehr nachdenklichere Songs feiern und streamen. Es sind eher die Partynummern, die am Ende auch richtig erfolgreich werden. Andererseits kann es irgendwie schon verstehen, wenn sich die Leute durch Musik von den Problemen auf der Welt ablenken, und nicht zu bedeutungsschwanger beschallt werden wollen.

Ist es trotzdem manchmal eine Zwickmühle für euch – die Beliebtheit der Partylieder auf der einen und die Botschaften, die ihr vermitteln wollt, auf der anderen Seite?

Früher fiel es uns auf jeden Fall schwerer, Nummern zu schreiben, bei denen es nur heißt „Musik an, Kopf aus“. Heutzutage ist das irgendwie umgekehrt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass von uns alles schon angesprochen wurde. Unsere Partynummern bringen den Vorteil mit, dass die Hörer durch sie den Zugang zu unseren nachdenklicheren Nummern finden. Ein Massen-Hit ist ein Türöffner zu den anderen eigenen Songs. Mit „Schöne neue Welt“ hatten wir zudem einen Hit, der beides kombiniert: Er hatte den Anschein einer fröhlichen Partynummer – aber mit bitterernstem Inhalt.

In „Schöne neue Welt“ habt ihr 2009 von Erderwärmung und Atomunfällen gesungen. Danach gab‘s Fukushima und die Erderwärmung ist heute in aller Munde. Was wären heute eure Prognosen, wenn ihr ein Orakel wärt?

„Schöne neue Welt“ war schon ein krasser Song. Eigentlich hatten wir mit unseren Prognosen extra übertrieben und über die Stränge geschlagen – und nach und nach trat das alles ein. Das war hart. Mittlerweile glaube ich aber: Die Zeit der Prognosen ist vorbei. Dass irgendwas nicht stimmt, sieht man ja mit bloßem Auge. Es ist dreißig Sekunden vor zwölf, da muss man kein Prophet sein.

Wenn man keine Propheten braucht, um die Probleme der Welt zu erkennen, ist es dann weniger notwendig, kritische Nummern zu machen?

Die Mehrzahl der erfolgreichen Songs hat schon immer „feel good“-Stimmung verbreitet – was auch völlig in Ordnung ist! Ernsten Inhalt kann man mit wiederum auch mit Humor und Ironie transportieren. Ich würde nicht sagen, dass es nicht mehr notwendig ist, das zu machen – nur sollte es vielleicht mal jemand anderes machen außer uns. Wir haben schon zu allen Themen fast alles gesagt. Vielleicht sollten das mal ein paar jüngere Leute machen.

Wie alt seid ihr alle so?

Wir sind mittlerweile alle um die 40, sehen aber noch aus wie Ende 20.

Manche eurer bevorstehenden Gigs wie beim Thüringentag 2019, dem Classic OA Berlin oder bei der Landesgartenschau Wittstock/Dosse klingen etwas nach älterer Zielgruppe. Ist euer Publikum mit euch zusammen alt geworden?

Bei Konzerten merken wir immer wieder, dass wir zwei bis drei Generationen von Musikliebhabern glücklich machen können. Dass wir nicht mehr bei 16- bis 17-Jährigen der heiße Shit sind, ist ja normal.

Wie sieht denn der typische Culcha Candela-Fan aus?

Auf jeden Fall sehr attraktiv!

Ihr hattet bei euren Album-Releases immer einen groben Rhythmus von zwei Jahren, außer als ihr eine Pause hattet. Nach dem Rhythmus müsste 2019 ja wieder ein neues Album anstehen?

Im September bringen wir unser 2. Best Of-Album „Besteste“ raus. Darunter sind sechs neue Songs – den ersten davon haben wir im März schon releast. Die 16 anderen Songs sind unsere bisher erfolgreichsten. Wir haben sie in chronologischer Reihenfolge nach Anzahl der Streams ausgewählt. Zwei weitere neue Singles inkl. Videos feuern wir noch vor dem Album raus – und dann „Gib ihm“! Optimal also für alle, die uns schon lange lieben, aber auch solche, die uns erst noch kennenlernen wollen. Im Februar oder März 2020 kommt dann schon das nächste, reguläre Album. Ein paar der neuen Songs werden wir auch beim Laut Gegen Nazis Campus Open Air performen!

Freut euch auf Culcha Candela beim „Laut Gegen Nazis Campus Open Air“ am 5. Juli! Neben diesem Headliner erwarten euch die Donots (Alternative Rock), Ezé Wendtoin (Afro-Folk, Latino) und Adam Angst (Punk Rock). Das Beste daran: Der Eintritt ist frei – dank der jahrelangen Unterstützung vieler Partner wie dem Bund, dem Land, der Stadt, der Wirtschaft und vor allem der Studierendenschaft!

5.7. | 19 Uhr | Audimax 1 BTU
www.fb.com/campuspartys