Betrug, Schicksal & Rockstar-Leben – "Milliarden" im Interview

Am 4. Juli findet auf dem Zentralcampus der BTU Cottbus-Senftenberg das „Laut Gegen Nazis“-Campus Open Air statt und einer der Headliner ist die Rockband „Milliarden“. Die beiden Frontmänner Ben Hartmann und Johannes Aue (Jojo) haben im vergangenen Jahr ihr neues Album „Betrüger“ rausgebracht und leben ihren ganz persönlichen Rockstar-Traum, auch wenn sie chronisch pleite sind. Wir erfuhren im Interview mit Ben, welche Rolle das Schicksal bei ihnen spielt – und warum sie sich eigentlich jeden Tag selbst betrügen…

Wart ihr schon mal in Cottbus?

Wir haben zwar noch nie in Cottbus gespielt, aber ich war schon mal dort. Ein paar meiner Verwandten wohnen da und deswegen ist es eine Herzensangelegenheit für mich!

Könnt ihr kurz beschreiben, was für eine Band ihr seid und worauf sich die Cottbuser beim Laut Gegen Nazis Campus Open Air freuen dürfen?

Ihr dürft euch auf Punk-, Rock- und Pop-Musik aus Berlin freuen und auf ein energetisches, kraftvolles Konzert. Live ist unsere Stärke! Jojo (Johannes) und ich stehen dabei im Vordergrund, aber wir sind mehr als zwei Leute und haben noch drei Bandkollegen, die aus unserem Freundeskreis stammen.

Wie habt ihr beide euch kennengelernt?

*Gähn* Entschuldigung, ich bin noch ziemlich durch von gestern.

Wie lange ging es gestern?

Das weiß ich gar nicht mehr, auf jeden Fall solange, dass ich meine Uhr nicht mehr lesen konnte. :D Aber um auf deine Frage zurückzukommen, wir haben uns zufällig bei der Aufnahmeprüfung einer Uni kennengelernt, als Johannes gerade am Klavierspielen war. Da habe ich ihn gefragt, ob er nicht ein paar Lieder für mich vorspielen könnte und ich fand ihn wirklich gut.

Hättest du auch das Gespräch gesucht, wenn Johannes gerade auf einem Saxophon geübt hätte?

Ne, ich glaube nicht, da ich nicht so ‘n Saxophon-Fan bin. Ich hatte gar nicht groß darüber nachgedacht, mal eine Band mit ihm zu gründen, sondern wollte nur herausfinden, ob er ein paar Lieder von mir spielen könnte – und da war er mir direkt sympathisch. Das Schicksal spielte in diesem Moment auch eine Rolle. Wir haben uns dann immer wieder zum Musizieren getroffen, bis die Idee einer Band aufkam.

Wolltet ihr schon immer das Leben eines Rockstars leben?

Bei unserer Aufnahmeprüfung für die Universität ging es um einen Platz im Schauspielstudium. Da hat man ja nicht unbedingt das geregelte Ottonormal-Leben.

Also hattet ihr nie Bock auf einen „normalen“ Lebensstil nach dem Motto: Ausbildung, Beruf, Ehe, Haus, Kind?

Nein, ich weiß auch gar nicht, wer darauf Bock haben könnte. :D Sagen wir mal so, man kann die Leute natürlich nicht verurteilen, die sich ihr Leben so vorstellen – aber so ein 9-to-5-Job mit Büroalltag wäre nichts für uns. Das haben uns unsere Eltern auch nicht vorgelebt und stand nie zur Debatte.

Was macht ausgerechnet euch beide zum Dream-Team beim Produzieren und auf der Bühne?

Das ist immer die große Frage. Wir sind einfach ein gutes Team, das sich gegenseitig ergänzt. Da wo wir unsere Schwächen haben, können wir uns gut unterstützen. Wir haben den gleichen Humor, was mit am wichtigsten ist.

Da klingt ja nach dem Traum einer Ehe.

Das ist auch ein bisschen wie eine Ehe oder Beziehung, wenn man ganz ehrlich ist. Und diese Beziehung muss man hegen und pflegen und ab und zu gibt’s auch mal mächtig Krach.

Was macht bei euch die Liebe – könnte eine Frau es schaffen, zwischen euch zu dringen?

Ne, zwischen uns nicht. Es lagen zwar durchaus schon Frauen zwischen uns im Bett – nicht nur im Musikvideo von „Oh Cherie“. Aber die Prüfung, dass eine Frau einen Keil zwischen uns treiben wollte, haben wir schon hinter uns und das hat uns noch enger zusammengeschweißt.

Wart ihr schon mal in dieselbe Frau verliebt?

Diese Situation gab es zum Glück noch nicht, Jojo und ich haben einen unterschiedlichen Frauengeschmack. Allgemein in Frauen verliebt sind wir aber ständig und das bereitet unserer Band-Beziehung keine Sorgen.

Könntet ihr euch eine Dreierbeziehung vorstellen?

Eine Dreiecksbeziehung haben wir nicht vor, eine Frau würde unsere Zweierbeziehung und die Fünferbeziehung mit unseren Bandmitgliedern nur noch unnötig verkomplizieren. Jojos Traum war es lange, sowas zu haben, und irgendwie haben wir das auch schon ausprobiert, aber irgendwann weichen solche Träume auch der knallharten Realität.

Hatte dein blaues Auge, das für die Namensgebung eurer Tour „Blaue Augen“ im letzten Jahr verantwortlich war, etwas damit zu tun?

Nein, das hatte nichts damit zu tun. Untereinander haben wir uns zum Glück noch nicht geschlagen. :D

Wie kamt ihr auf euren ungewöhnlichen Namen „Milliarden“?

Der Name kam einfach eines Tages zu uns. Er steht an einem Theater in Berlin in roten Buchstaben an der Wand geschrieben. Es ist eine gute Überschrift für unsere Zeit, ein Wort das die Ambivalenz von allen Verhältnissen beschreibt. Wo Milliarden sind, ist auch Armut. Uns ist auch erst gar nicht aufgefallen, was für Ergebnisse man bekommt, wenn man den Namen googelt: Politik, Geld und Probleme.

Das ist fast ein genauso krasser Zufall, wie du deinen Bandkollegen kennengelernt hast. Du warst zur richtigen Zeit am richtigen Ort und das Schicksal hat dir euren Bandnamen gegeben.

So ist es. Man darf nicht auf der Suche nach Sachen sein, sondern sie kommen zu einem.

Der Name eures aktuellen Albums ist auch interessant, er lautet „Betrüger“, und ihr meintet in einem Interview dazu, dass Betrug für euch nicht unbedingt etwas Negatives bedeuten muss. Wann ist Betrug etwas Positives?

In unserem Lied „Betrüger“ auf unserem Album beschreiben wir dieses Phänomen: Dadurch, dass wir nie an einem geregelten Alltag mit Haus, Frau und Kindern interessiert waren, und immer in unseren Träumen und Visionen leben, sind wir stets naiv und relativ nah an unseren Träumen. Wir denken immer an Momente in der Zukunft, und nicht an abgeschlossene Taten. Unsere Vorstellung von der nahen Zukunft bleibt immer offen, es gibt immer noch etwas zu erreichen und zu erklimmen. Das ist natürlich auch ein gewisser Selbstbetrug, da wir unsere finanziellen Nöte dafür ausblenden und es auch von der sozialen Seite her kein leichtes Leben ist. Aber durch unsere Naivität und diesen positiven Selbstbetrug können wir das stemmen.

Wie hat sich euer Alltag verändert, seit ihr erfolgreich von Konzert zu Konzert tourt?

Was sich stark verändert hat, ist die Anzahl unserer Konzerte. Wir sind extrem viel unterwegs, haben Fernseh- und Radioauftritte und leben das Leben, das wir gerne leben wollten. Der Bus ist mittlerweile unser zweites Zuhause geworden.

Arbeitet ihr schon an eurem nächsten Album?

Wir arbeiten schon nebenbei daran. Nach unserer Tour und den Festivals werden wir uns intensiv damit beschäftigen. Es erscheint dann irgendwann im nächsten Jahr, wann genau wissen wir noch nicht.

Habt ihr noch ein paar abschließende Worte für das Cottbuser Partyvolk?

Kommt vorbei in Scharen! Wir müssen unbedingt gucken, dass wir Cottbus nazi-frei bekommen – obwohl, die sollten vielleicht auch kommen und wir überzeugen sie, dass ihre Einstellung nicht richtig ist!

4.7. | 19 Uhr | BTU Zentralcampus

www.milliardenmusik.de