Beatsteaks im Interview: Ohne Politik, aber mit Kalkül

Mit neuer Musik ist es wie mit neuen Menschen: Gegen das Ungewöhnliche und Fremde bauen viele instinktiv eine innere Barriere auf. Das ist evolutionsbiologisch bedingt und hat immerhin hunderttausende Jahre lang das Überleben der Menschheit gesichert. Dazu gehört auch die andere Seite: Umso besser wir etwas kennenlernen, das anfänglich fremd war, desto mehr wächst es uns ans Herz. Ähnlich verhielt sich das auch mit den Beatsteaks und ihrem neuen, 21 Tracks starken Album „Yours“, das vor Vielfalt nur so strotzt. An manche Tracks musste sich Schlagzeuger Thomas Götz erst noch gewöhnen. Ob er mittlerweile alle Songs gleich mag, was im Tourbus der Beatsteaks so abgeht und worauf sich die Fans beim Laut Gegen Nazis Campus Open Air am 15.6. auf dem Zentralcampus der BTU Cottbus-Senftenberg freuen dürfen, erfuhren wir im Interview mit ihm.

Ihr habt schon einige Male in Cottbus gespielt. Welcher eurer Auftritte hier blieb dir am meisten in Erinnerung und was verbindet dich noch mit unserer „Lausitzmetropole“?

Ich erinnere mich an zwei Auftritte im Glad-House, darunter den mit Schmutzki im Jahr 2015. Außerdem habe ich persönlich einen gewissen Draht nach Cottbus. Einer meiner besten Freunde war lange verheiratet und sein Schwiegervater kommt aus Cottbus. Außerdem gefällt mir das Staatstheater mit seinem Jugendstil und dem wunderschönen Saal – dort war ich schon bei Konzerten zu Besuch.

Ihr reist jedes Wochenende mit eurem Tourbus kreuz und quer durch Deutschland. Ist dieser mittlerweile zu eurem zweiten Zuhause geworden?

Definitiv! Du kannst dir unseren Bus wie ein Unterseeboot vorstellen. Da gibt es unsere Lounge – ein langer Gang, rechts und links mit zweistöckigen Betten, in denen wir oft chillen und Filme gucken. Einen prall gefüllten Kühlschrank mit allerlei Snacks, belegten Brötchen und vielem mehr haben wir auch. In der sogenannten Base, wie unsere Gepäckablage heißt, lagern wir unsere empfindlichen Gitarren. Die Gepäckstücke landen hingegen oben in der Lounge möglichst nah bei uns. Je nachdem, wie groß unser Konzert ist, fahren in unserem Unterseeboot acht bis 16 Leute mit. Da ist immer mächtig was los!

Du sagtest in einem Interview mit der Schwäbischen, die Beatsteaks seien noch nie eine politische Band gewesen. Tretet ihr beim Laut Gegen Nazis nur aus Spaß auf oder steckt trotzdem ein tieferes Anliegen dahinter?

Wir sind insofern keine politische Band, dass wir keine explizit politischen Texte schreiben. Was wir aber haben, ist ein politisches Bewusstsein. Wir beschäftigen uns viel mit Politik und wählen unsere Auftrittsorte gerne dementsprechend mit etwas Kalkül aus, unterstützen auch mal Initiativen, wenn es um eine gute Sache geht – so wie beim Laut Gegen Nazis Campus Open Air. In unseren Texten soll es aber nicht um Politik gehen, auch wenn es manchmal politische Anklänge gibt.

In den vergangenen Monaten wurde viel über die Flüchtlingssituation in Cottbus berichtet. Hast du davon etwas mitgekommen? Wenn ja, was waren deine Gedanken dazu?

Ja, ich habe mitbekommen, dass in Cottbus sowohl Geflüchtete als auch Deutsche angegriffen wurden. Ich konnte es einfach nicht verstehen. Wir sind alle Menschen dieser Erde und wenn man mal bedenkt, wie viel Geld wir alle im Vergleich zu ärmeren Ländern dieser Welt haben … Ich kann es nachvollziehen, wenn andere Dritte-Welt-Länder keine Geflüchteten aufnehmen wollen, weil sie sagen, dass sie das nicht stemmen können. Aber ich kann nicht verstehen, wenn Menschen in einer der reichsten Wirtschaftsnationen der Welt sagen: „Wir haben Angst um unsere Kohle“ – von der wir eh zu viel haben.

Die Angst gegenüber Fremdem und Ungewohntem ist allerdings tief im Menschen verankert, sie ist instinktgesteuert. Kann man überhaupt von der breiten Masse erwarten, offen gegenüber Neuem zu sein?

Ich verstehe das und kenne eine gewisse Angst vor dem Ungewohnten zum Beispiel durch Erzählungen von Oma und Opa. Die waren unfassbar überrascht, als sie zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs zum ersten Mal Dunkelhäutige gesehen haben. Aber wie viele Generationen ist denn das jetzt schon her? Der Impuls, dass alles Fremde im ersten Moment komisch ist, ist für mich nachvollziehbar – vor allem in ländlichen Regionen, in denen Fremdes und Ungewohntes auf alte, eingeschworene Gemeinschaften trifft. Den ersten Reflex verstehe ich, aber wir leben trotzdem im 21. Jahrhundert und deshalb denke ich, dass man eine Grundtoleranz erwarten kann. Man sollte mal den Kopf einschalten und die Angst überwinden, indem man auf sie zugeht – und nicht, indem man sie ausschließt.

Auch in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Jodel wurde viel über die Flüchtlingssituation in Cottbus diskutiert. Wie wichtig ist es, dort Flagge zu zeigen – und reicht das aus, um ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen zu fördern?

Auf sozialen Netzwerken aktiv Flagge zu zeigen, reicht nicht aus. Ich finde es zwar gut, wenn man dort seine Meinung sagt, allerdings sollten politische Diskussionen nicht ausschließlich dort stattfinden. In meinem Facebook-Feed erlebe ich keine politische Arbeit, sondern lediglich, dass sich die Leute in ihrer Meinung gegenseitig bestärken. Um wirklich etwas zu bewirken und das Zusammenleben verschiedener Kulturen zu fördern, sollte man auf die Straße gehen und sich an Vereine und Initiativen wenden, die die eigenen Ansichten unterstützen.

Euer aktuelles Album umfasst 21 Lieder, die teilweise Herzensangelegenheiten einzelner Bandmitglieder sind. Welche Tracks sind deine Lieblinge und welche mochtest du weniger?

An Lieblingen gab es viele – wobei ich sagen muss, dass es beim Livespielen nicht mehr darauf ankommt, wer welchen Track am liebsten mag. In jedem Lied steckt eine andere Geschichte und mit etwas Abstand verliebe ich mich in jedes einzelne. Den Song „Come on and get some“ fand ich am Anfang beispielsweise nicht so geil, er gefällt mir aber immer besser, desto öfter ich ihn gespielt habe.

Vielleicht ist da auch eine Parallele zu dem, was wir drei Fragen früher festgestellt haben: Der Song „Come on and get some“ war anfangs etwas ungewöhnlich und fremd für dich, und umso besser du ihn kennengelernt hast, desto mehr ist er dir ans Herz gewachsen.

Ja, das stimmt, ich habe am Anfang mit dem Song gefremdelt. Mittlerweile denke ich nur: „Boah, wie geil ist der denn“! Vielleicht ist es in dieser Hinsicht mit der Musik ähnlich, wie bei Menschen.

Welche Songs bekommen wir beim Laut Gegen Nazis Campus Open Air zu hören – hauptsächlich von eurem aktuellen Album oder auch ein paar eurer älteren Nummern?

Ich bin mir ganz sicher, dass sowohl neue als auch alte Songs dabei sein werden. Da wir uns erst am Tag vor dem Konzert festlegen, kann ich aber noch nicht genau sagen, welche es genau sein werden. Das hängt auch vom Wetter und von der Stimmung ab.

Ihr meintet gegenüber Urbanite, dass sich ein Beatsteaks-Konzert zu 50% auch im Publikum abspiele. Was war die krasseste Aktion, Geste oder Eskalation die sich in eurem Publikum jemals abgespielt hat?

Das krasseste Erlebnis hatte ich bei meinem 2. Konzert, als plötzlich eine Bierflasche auf mich geworfen wurde, die mich nur knapp verfehlt hat. Noch krasser als diese Aktion war dann die Reaktion von unserem Bassisten Ali: Der legte sofort seinen Bass ab, stürmte ins Publikum und versuchte, den Flaschenwerfer zu vermöbeln. So schnell wie das passiert ist, konnte ich gar nicht gucken! Hinterher wusste ich, dass ich in einer echt coolen Band gelandet bin!

Beim Laut Gegen Nazis Campus Open Air am 15. Juni ab 19 Uhr auf dem Zentralcampus der BTU Cottbus-Senftenberg könnt ihr die Beatsteaks live erleben! Unter dem Motto „Moin Liebe tschüss Hass“ treten auch die Kieler Indie-Rockband Leoniden, das Berliner Hip-Hop-Duo Zugezogen Maskulin und Rapper Afrob auf. Freut euch also auf eine energiegeladene Nacht voller Livebands – der Eintritt ist frei!

15.6. | 19 Uhr | Zentralcampus der BTU
www.fb.com/campuspartys

Autor: Jonas Köhler