Tätowieren statt Kopieren!

Man stelle sich einmal ein Tattoostudio vor. Im Studio liegt ein Kunde auf einer Liege. Der Tätowierer setzt grade mit der Nadel auf der Haut an. Neben sich hat der Tätowierer eine ausgedruckte Tattoovorlage parat – runtergeladen aus Pinterest. Plötzlich tritt jemand die Tür ein. Eine Einsatzstaffel der Polizei stürmt ins Studio: „Hände hoch!“. „Was ist denn jetzt los?!“, fragt der Tätowierer verwirrt. „Sie sind verhaftet – wegen illegaler Raubkopien und Diebstahl geistigen Eigentums!“, entgegnet ein Beamter. Prompt wird der Tätowierer abgeführt.

Dem Tätowierer Oliver Ratai aus dem Tattoostudio Ink Deluxe in Cottbus würde so etwas nie passieren. Er sticht ausschließlich Tattoomotive, in die die Gedankenkraft von seinen Kunden und ihm selbst geflossen ist. Dennoch würde er es begrüßen, wenn sich eine solche Szene einmal abspielen würde, oder es zumindest einen Lehrclip in dieser Richtung gebe. Denn er sieht, wie das Tattoohandwerk und die dahintersteckende Kunst durch das Kopieren von Motiven mehr und mehr zu einer schnöden Dienstleistung verkommen.

Google, Instagram und Pinterest stecken voll mit Tattoomotiven, die sowohl von den Tätowierern, als auch von den Kunden selbst stolz zur Schau gestellt werden. Wer selbst über sein nächstes (oder erstes) Tattoo nachdenkt, braucht nur seinen Motivwunsch + „Tattoo“ auf diesen Plattformen eingeben und findet womöglich innerhalb von 30 Sekunden das vermeintlich perfekte Motiv. Da liegt es doch nahe, dieses auszudrucken, zum nächstbesten Tätowierer zu gehen, und es sich von ihm stechen zu lassen, könnte man meinen?

Doch genau das kommt für Oliver Ratai überhaupt nicht infrage. Vielmehr würde das für ihn sowas wie einen Seelenverkauf bedeuten: „Ein vorgegebenes Motiv einfach zu kopieren, macht den Tätowierer zum Dienstleister. Dabei geht die Leidenschaft verloren. Dann kannst du auch Dosen einpacken oder am Fließband arbeiten. Das ist echt ätzend“. Der bessere Weg, mit dem nicht nur er als Tätowierer sein Handwerk als wirkliche Kunst ausleben kann, sondern mit dem sich auch der Kunde langfristig viel stärker identifizieren kann: Den kreativen Prozess von der Grundidee bis zum einzigartigen, persönlichen Tattoo selbst zu durchlaufen. Wir gingen diesen Prozess mit ihm durch:

Der Weg zum individuellen Tattoomotiv

1. Alles beginnt mit einer Idee im Kopf, vielleicht schon einem ungefähren Motiv und einer bevorzugten Körperstelle. Diese Idee kann eine tiefe Bedeutung haben, das ist aber kein Muss, so Oliver: Es müssen nicht unbedingt viele Gedanken dahinterstecken, aber man sollte wenigstens selbst derjenige gewesen sein, der sich Gedanken um das Motiv gemacht hat“.

2. Man schaut sich verschiedene Tätowierer und ihre Arbeiten an. Hierfür können Instagram- und Pinterest-Accounts von Tätowierern natürlich zurate gezogen werden. Man sollte nicht irgendeinen Tätowierer auswählen, sondern den, dessen Stil einem am besten gefällt: „Wenn du siehst, dass ein Tätowierer auf seinem Instagram-Account nur traditionelle Tattoos hochlädt, brauchst du ihn nicht anschreiben, dass du ein Tattoo von deiner Mutter haben willst“, bringt Oliver diesen Schritt auf den Punkt. „Da sucht man lieber einen Tätowierer, der Porträts besonders gut kann.“
Oliver Ratai selbst sticht am liebsten neotraditionelle und traditionelle, außerdem Dotwork und Blackwork – „also richtig heavy schwarzes Zeug“. Bei der Farbwahl ist er flexibel. Wer ihn kennt, weiß zwar, dass er eine gewisse Vorliebe für Melancholie auch nach außen trägt, aber: „Nur weil ich düster durch die Gegend laufe, heißt das nicht, dass ich nur schwarzes Zeug mache. Ich steh‘ übelst auf Farbtattoos!“.

3. Ist die Wahl gefallen, nimmt man Kontakt zu dem Tätowierer auf und beschreibt entweder im Chat oder vor Ort sein Vorhaben. Ohne ihm Beispielbilder vorzulegen, arbeitet man die Idee mit ihm aus. Umso primitiver und einfacher man dem Tätowierer sein Vorhaben beschreibt, desto mehr Kreativität kann in diesem Schritt von beiden Seiten einfließen. „Gerade in einem Gespräch entstehen dann die besten Ideen und unter Umständen eine völlig andere Perspektive auf die Idee, als man es vorher im Sinn hatte.“

4. Der Tätowierer entwirft das Motiv schließlich in seinem Stil und bespricht den Entwurf mit dem Kunden. Alles in vorherigen Ideenprozess Besprochene fließt in den Entwurf ein. „Dieser Prozess und auch das Ringen um den finalen Entwurf ist das, was das Tätowieren zu einer Kunst und den Tätowierer zum Künstler macht“ – erklärt Oliver Ratai – „Wenn es ein Tattoo schon gibt, dann geht man zu dem Künstler hin, der das Tattoo gemacht hat! Alles andere ist Diebstahl geistigen Eigentums. Sowas mache ich nicht“.

Die meisten Kreativitätsschübe hat Oliver Ratai übrigens nachts: „Mein Ritual ist, dass ich immer nachts im fast Dunklen mit nur eine Tischlampe sitze und mir ein Räucherstäbchen anzünde. Dabei höre ich Mukke und blende alles andere um mich herum aus.“ Das sind für ihn die besten Voraussetzungen, um die gemeinsamen Ideen von ihm und seinen Kunden auf Papier zu bringen. Wenn ihm jemand einen Pinterest-Ausdruck im Studio vorbeibringt, landet dieser im Müll und der Findungsprozess für das Motiv beginnt von vorn. „Tätowieren statt Kopieren“ – so könnte sein Motto lauten.

Tattoostudio Ink Deluxe
Sandower Straße 53
03046 Cottbus

Terminvereinbarungen bei Oliver Ratai (i.d.R. 14-21 Uhr):
WhatsApp: 017658879655
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www.facebook.com/Tattoostudio.InkDeluxe