Ostlust statt -frust

Ostlust statt -frust
Ostlust statt -frust

Unser zehnseitiges Spezial rund um die strukturellen Probleme des Ostens – und seine großen Hoffnungen, zu einer Region des Aufschwungs zu werden. Foto: istock, LianeM

Nach über 30 Jahren Wiedervereinigung sieht der ein oder andere die Unterscheidung in „Ossi“ und „Wessi“ als überholt an. Tatsächlich sind die Unterschiede aber immer noch spürbar und gerade aus der Sicht der jüngeren Generation gleicht es manchmal dem Vergleich von Frankfurt und Frankfurt. Wenn man es auf ernüchternde Tatsachen begrenzt: In den neuen Bundesländern leben heute genauso viele Menschen wie 1905 und im Westen hat sich die Bevölkerungszahl dagegen verdoppelt. Auch streuen mediale Berichte immer wieder Salz in die Wunde.

Wurde der Osten wirklich abgehängt?

Wir zeigen, warum der „Ostfrust“ in unserem Titel gerechtfertigt ist – aber auch nicht trügen darf. Im Rahmen der Strukturentwicklung kommt es gerade zur Kehrtwende und die Lausitz entwickelt sich zu einer Modellregion für ein klimafreundliches und zukunftsfähiges Europa mit reichlich Perspektiven.

Zum Start des Spezials machen wir dir zunächst die Ausmaße des Begriffes „Ostfrust“ deutlich, die tiefe historische Wurzeln haben, durch gesellschaftliche Umbrüche immer größere Dimensionen erreichten und bis heute präsent sind. Mithilfe von zwei Händen voll Lausitzer Projekten zeigen wir dir anschließend, wie wir das Rennen aus dem Windschatten doch noch gewinnen werden und machen klar, warum wir in nicht weniger als einer Boomregion leben.

Inhaltsverzeichnis:

Der Ostfrust – siehe unten

Strukturwandel alt und neu

Boom statt Doom der Lausitz

Weichen für die Zukunft stellen

Lausitzer Herzen schlagen höher

Tolle Aussicht statt Sehnsucht

Der Ostfrust

Wirtschaftswunder vs. Bauernstaat

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit Deutschlands bedingungsloser Kapitulation und durch die Aufteilung der Siegermächte ging es getrennte Wege. Doch während schon in den 1950ern der VW Käfer zum Symbol des industriellen Erstarkens der BRD wurde, schien der DDR Ähnliches nicht zu gelingen. Und das obwohl Wirtschaftshistoriker:innen ihr sogar einen Vorteil im Bereich Industriedichte, Humankapital und Infrastruktur zuschrieben.

Stattdessen schnappte sich die Sowjetunion alles was nicht niet- und nagelfest ist, um ihre Kriegsschäden zu kompensieren. Zwar wurden im Westen auch 700 Betriebe abgebaut, im Osten jedoch etwa 2.000 bis 3.000. Selbst die Hälfte des Schienennetzes wurde demontiert. Die westlichen Besatzungsmächte erkannten dagegen die Wichtigkeit Deutschlands für die europäische Wirtschaft und unterstützten einen Wiederaufbau sogar mit eigenen Ressourcen. Währenddessen war die DDR gezwungen, sich vom Weltmarkt abzuschotten und unter der Planwirtschaft wurden Betriebe enteignet.

S. 3 Nettoimmobilienvermögen

Wende und Kolonialisierung des Ostens

Kolonialisierung – ein Begriff für den man eigentlich in die Zeit der Entdeckung Amerikas zurückspringen müsste – soll etwas mit der Wende zu tun haben? Laut Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung: ja!

Durch den Systemwechsel von der ehemaligen Zentralverwaltungswirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft, der nach der Wende in der DDR stattfand, wurden die ehemals enteigneten Betriebe wieder ans Volk verkauft. Jedoch hatte in Ostdeutschland kaum ein Bürger Vermögen und deswegen konnten auch nur 5 % der Betriebe auch wieder an Ostdeutsche verkauft werden. Der Rest ging an Westdeutschland oder ins Ausland. So gehören auch zwei Drittel der Fläche von Ostdeutschen Großstädten mittlerweile dem Westen und somit auch ein Großteil unseres Wohnraums.